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Besitztum und Verluste von Christian und Christiane Kemmner

Aktualisiert: 3. Okt 2019

Das kleine Dorf Unterensingen gehörte Mitte des 19. Jahrhunderts dem Königreich Württemberg an und hatte etwas mehr als 800 Einwohner (Quelle). In der Nacht des 7. Mai 1847 wurde dort um 23.45 Uhr Christian Kemmner geboren. Christian war ein Sohn von Daniel Kemmner und Anna Stumpp. Er war der Opa meines Opas und damit mein Ururgroßvater. Zwei Tage später wurde er im selben Ort getauft.


Seine Taufzeugen waren Christian’s Onkel Christian Stumpp, Bauer, der Bruder seiner Mutter sowie Barbara Riempp, geborene Kottler. Barbara war die Schwester des ersten Mannes von Christian’s Mutter Anna. Beide Taufzeugen kamen somit aus dem Umfeld von Christian’s Mutter, dabei hatte auch sein Vater Daniel fünf Geschwister. Warum haben sich Christian’s Eltern für gerade diese Taufzeugen entschieden?

Darstellung der Beziehung von Christian Kemmner (unten links) zu seinen Taufpaten Christian Stumpp und Barbara Riempp (beide grau hinterlegt).

Am 19. November 1874 heiratete Christian seine Frau Christiane Luise Gähr, meine Ururgroßmutter.


Christiane wurde morgens um drei Uhr am 11. Mai 1851 in Unterensingen geboren und am selben Tag getauft. Ihre Eltern waren die Bauern Jakob Gähr und Anna Maria Kicherer. Christiane’s Taufzeugen waren Daniel Gähr und Christiane Luise Kicherer. Daniel Gähr war der Bruder ihres Vaters Jakob. Christiane Luise Kicherer war die Schwester ihrer Mutter Anna Maria. Leider kann ich die zusätzlich angegebenen Informationen zu den beiden Taufzeugen nicht entziffern, ihr?

Bereits als Kind musste Christiane den Tod ihres sechsjährigen Bruders Daniel miterleben. Er starb als sie elf war. Nur zwei Jahre später stirbt auch ihr vier Monate alter Bruder Jakob an Krampfhusten und Gichter, einer Krankheit, die aus Krämpfen, hohem Fieber oder Schüttelfrost bestand (Quelle). In Pierer’s Universal-Lexikon wird Richter als „verschiedene meist krampfhafte Krankheitserscheinungen bei Kindern, deren Ursachen sehr verschieden sein können: acuter Wasserkopf, Zahnentwickelung, aber auch Darmreize (heftige Diarrhöe, Würmer), Scharlach, Masern, Harnverhaltung, Lungenentzündung etc“ beschrieben (Quelle: Pierer's Universal-Lexikon 4. Auflage 1857–1865).


Als Christiane fast neunzehn war, starb ihre Schwester mit drei Jahren ebenfalls an Krämpfen. Von ihren vier Geschwistern blieb Christiane nur eine Schwester, die später geisteskrank wurde und gepflegt werden musste.


Als Christian und Christiane heirateten, war er 27 Jahre alt, sie war 23 Jahre alt. Aus dem Heiratsregister geht hervor, dass Christian und Christiane am 19. November 1874 heirateten. Es wurden drei Proklamationen durchgeführt, bei denen Einwände gegen die Ehe genannt werden konnten. Genau kann ich die zugehörigen Abkürzungen der Daten im Register nicht erkennen, aber ich vermute es handelt sich um die drei Sonntage vor ihrer Trauung: Ich erkenne die Abkürzung „Trin.“, die im Kirchenkalender für Trinitas, den Sonntag nach Pfingsten steht. Früher wurden die folgenden Sonntage als 1. Sonntag nach Trinitas, 2. Sonntag nach Trinitas usw. beschrieben. Die vermerkten Daten 22., 23. und 24. passen im Zusammenhang mit „Trin.“ genau zu den drei Sonntagen vor der Hochzeit. Es handelt sich um den 1., 8. und 15. November (Quelle).


In ihrer Familienbibel, die das Paar zur Hochzeit von der Kirche erhielten, ist vermerkt, welcher Bibeltext zu ihrer Trauung gelesen wurde: Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. (Johaness 2, 1-11).


Christian und Christiane lebten in der Boide 172, daher wurde Christian auch als Christian Kemmner (Boid) bezeichnet. Nach Änderung der Straßennamen lautet die Adresse heute Nürtingen Straße 20.



Das Haus von Christian und Christiane in Unterensingen sieht heute so aus (eigenes Foto).

Nach ihrer Hochzeit bekamen die beiden acht Kinder:

Am 17. September 1875 kam ihr erster Sohn Urban Gustav zur Welt. Christiane war zu der Zeit 24 Jahre alt. Ihr Mann Christian war 28 Jahre.

Am 16. Dezember 1876 bekamen sie ihren zweiten Sohn Karl Christian.

Am 9. September 1879 kam Friedrich Wilhelm zur Welt.

Gottlieb Friedrich Kemmner wurde am 1. Oktober 1881 geboren.

Am 21. November 1884 wurde Gottlob Kemmner geboren.

Am 1. Juni 1886 kam meine Urgroßmutter Anna Maria zur Welt.

Die zweite Tochter Christiane Friederike kam am 29. September 1887.

Mit 40 Jahren bekam Christiane ihr letztes Kind: Caroline Luise wurde am 26. Oktober 1891 geboren.

Christian Kemmner auf einem Gemälde seines Sohnes, dem Maler Gustav Kemmner.

In der Biografie ihres Sohnes Gustav Kemmner, findet sich ein Hinweis, dass Christian und Christiane der bäuerlichen Oberschicht von Unterensingen angehörten und die beiden ein beachtliches Vermögen besaßen: „Christian Kemmner und sein Vater Daniel versicherten 1875 Vermögenswerte in Höhe von 2850 Gulden. Das entsprach 5630 Mark, die Marktwährung wurde 1875 eingeführt. Zum Vergleich: Der Wert einer Kuh wird in dieser Zeit mit 150 Mark angegeben. Christian und Daniel nahmen im Hinblick auf den angegebenen Vermögenswert, der nur Gebäude und Einrichtungsgegenstände umfasste, einen Spitzenplatz unter den Gemeindebürgern ein. Die Vermögensausgabe ist überliefert, weil der Gemeinderat sie begutachtete und in einem förmlichen Beschluss feststellte. Das war ein allgemein übliches Verfahren in dieser Zeit“ (Hergenröder (2004). Gustav Kemmner). Vermutlich ist ihr Vermögen auch daher entstanden, dass sie die einzigen Erben ihrer Eltern waren. Christiane war das einzige überlebende Kind ihrer Eltern, sodass ihr das gesamte Erbe der Eltern zufiel. Christian hatte zwar Halbgeschwister, war jedoch das einzige Kind seines reichen Vaters Daniel. Christian und Christiane konnten ihren Kindern daher auch eine gute Ausbildung ermöglichen.


In den folgenden Jahren starben Christian’s Vater 1889 und seine Mutter 1892. 1895 starb Christiane’s Vater mit 72 Jahren an einem langwierigen Unterleibsleiden, an dem er bereits drei Jahre litt.


Das Gemälde von Gustav Kemmner zeigt seine Mutter Christiane Kemmner (geb. Gähr).

Eine Radierung von Christiane Kemmner, gezeichnet von ihrem Sohn Gustav Kemmner.

Christian und Christiane waren sehr religiös, vermutlich wurden auch Hausgottesdienste gehalten. Ihre Kinder genoßen eine christliche Erziehung. Christian und Christiane gehörten dem Gustav-Adolf-Verein an, der erhebliche Beiträge zur Unterstützung evangelischer Gemeinden in Diaspora aufbrachte (Hergenröder (2004). Gustav Kemmner). Der Verein existiert als Gustav-Adolph-Werk e. V. bis heute.


Christian hat in der Familienbibel einige Eintragungen über das Wetter vorgenommen, die verdeutlichen, wie wichtig das Wetter für gute landwirtschaftliche Erträge war. Dementsprechend waren die Bauern vom Wetter abhängig und konnten es deutlich besser deuten als man das heutzutage gewohnt ist. „Anno 1879 war ein furchtbar strenger Winter, dass viele Bäume erfroren. 1882 Sonntag, den 16. Juli schlug das Wetter und vernichtete die ganze Ernte, dass man gar nicht dreschen durfte. Das Stroh wurde wie Heu aufgeladen (Es waren also keine Ähren mehr dran). Den 4. August 1884 schlug das Wetter wieder (Hagel), doch war das meiste Korn schon eingefahren. Anno 1890, 1891, 1892 waren sehr gute Kornjahre. Das Jahr 1893 war ein sehr dürres Jahr. Vom 15. März bis 25. Mai fiel kein Tropfen Regen. Die Gerste konnte fast nicht aufgehen. Schon im Frühjahr galt der Zentner Heu 6-7 Mark. Heu gab es kaum ein Drittel bis ein Fünftes gegen sonst und Öhmd (2. Schnitt) bekam man kaum die Hälfte. Hätte die Hitze noch einige Tage angehalten so hätte man das Korn abmähen müssen (um Futter für das Vieh zu haben).

1893: Das Vieh wurde zu Schleuderpreisen verkauft. Eine Kuh kostete 40-100 Mark. Rinder wurden massenhaft geschlachtet, das Pfund Rindfleisch kostete 20-30 Pfennige. Kuhfleisch 15-20-30-Pfennig. Der Viehbestand manches Bauern schmolz von 7 auf 3 Stück herab.

1896: Dienstag, den 16. Juni schlug das Wetter mittags 5 Uhr etwa eine Viertel Stunde lang. Die Steine waren fast so groß wie ein Taubenei. Die Gerste war noch jung, dass ihr die Steine wenig Schaden machten.

Anno 1895 war ein sehr strenger Winter. Der Schnee war fast 1 Meter tief und blieb liegen bis Anfang April. Im Februar 1898 wurde im Eichholz die kurzen Wiesen drainiert - dauert 4 Wochen. Überschlag 1500 Mark.“


Als Christian bei der Ernte im Jahr 1902 beim Abladen vom Wagen gefallen war, musste er acht Tage das Bett hüten. Er selbst vermerkt in der Familienbibel, dass ihm nichts schlimmes passiert ist. Die Söhne waren allerdings bereits zwischen 20 und 30 Jahren alt und konnte die Verpflichtungen und Arbeiten des Vaters daher hoffentlich auffangen.

Handschriftliche Eintragung von Christian Kemmner in der Familienbibel über seinen Unfall.

Am 16. Februar 1910 verlieren Christian und Christiane ihre Tochter Christiane Friederike durch eine furchtbar schwere Krankheit, an der die Tochter bereits seit zwei Jahren litt. Ziemlich genau ein Jahr später, am 15. Februar 1911 erlitt Christiane’s Mutter Anna Maria einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht wieder erholte. Christiane kümmerte sich von nun an um ihre Mutter, die auf der rechten Seite gelähmt war und nicht mehr sprechen konnte. Christiane beschreibt in der Familienbibel, sie musste ihre Mutter über ein Jahr heben und legen. Etwa ein Jahr später starb ihre Mutter im April des Jahres 1912 an einem zweiten Schlaganfall. Auch die Pflege ihrer geisteskranken Schwester Anne Marie, die zuvor von Christiane’s Mutter gepflegt wurde, übernahm nun Christiane. Die Schwester starb im Herbst des Jahres 1912, nur wenige Monate nach der Mutter.

Handschriftliche Eintragungen meiner Urgroßmutter Christiane Kemmner (geb. Gähr) in der Familienbibel über den Tod ihrer Mutter.

Im darauffolgenden Jahr starb Christian nach kurzer Krankheit am 19. August 1913 um vier Uhr. Christiane schreibt über ihren Mann: „Mitten in der Ernte ist unser lieber Vater nach kurzer Krankheit unerwartet schnell gestorben, es kam eine Lähmung dazu, es war ein harter Schlag für uns. Wir hätten noch nötig seines Rates bedurft. Aber der Herr spricht: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Denn soviel der Himmel höher ist denn die Erde, sind meine Gedanken“. Zwei Tage später wird er am 21. August 1913 um 2 Uhr beerdigt. Im Sterberegister wurde vermerkt, dass Pfarrer Wacker die Grabrede hielt.


Christiane Kemmner in einem Gemälde ihres Sohnes Gustav Kemmner.

Kurz nach ihrem Mann, verliert sie im ersten Weltkrieg auch ihre Söhne Friedrich Wilhelm und Gottlob. Erst elf Jahre nach ihrem Mann stirbt dann Christiane am 15. Januar 1924 um 8.30 Uhr. Um 2 Uhr am 17. Januar wird Christiane in Unterensingen beerdigt. Bis zu ihrem Tod konnte sie neun Enkelkinder kennenlernen.


Todesanzeige von Christiane Kemmner (geb. Gähr) aus dem Jahr 1924.

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