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Von München über Mannheim, Ludwigshafen und Speyer nach New York: Theresa Schaal

Aktualisiert: Mai 15

Meine Urgroßtante Theresia Schaal wurde am 8. Juli 1895 in München geboren (Landeshauptstadt München, 1895). Theresia war die zweite Tochter von Anna Katharina und Johann Evangelist Schaal (Kemmner, 2019; Landeshauptstadt München, 1895).

Verbindung von mir zu meiner Urgroßtante Theresia Schaal (eigene Darstellung).

Die kleine Familie lebte mit der ältesten Tochter Anna Maria, meiner Urgroßmutter, und Theresia in der Parkstraße 1a im Münchener Stadtteil Schwanthalerhöhe (Landeshauptstadt München, 1895), nur wenige Minuten von der bekannten Theresienwiese entfernt, auf der auch damals schon das jährliche Oktoberfest ausgetragen wurde. Theresia wurde um ein Uhr nachts in der Wohnung der Familie geboren (Landeshauptstadt München, 1895). Später nennt sie sich Theresa.

Der Münchener Marienplatz um 1898 (Bauer, 1982).

Als Theresa ein Jahr alt war, zog die Familie ins über 300 km entfernte Mannheim. Am 6. September 1896 meldete Johann seine Familie dort offiziell an. Als Arbeitgeber nannte er dabei den Durlacher Hof in der Neckerstadt-Ost. (Stadtarchiv Mannheim, 1896)


Die Adresse der Familie lautete II. Querstraße 22 in Mannheim (Stadtarchiv Mannheim, 1896). Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass die Straßen der Neckarstadt-West zu Beginn als Zehntstraße (10. Querstraße) oder Elfenstraße (11. Querstraße) nummeriert wurden. Die Gegend würde gut passen, da sich die Brauerei Durlacher Hof in der Käfertalerstraße 168-170 (Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte,1881), ganz in der Nähe befunden hat. Sollte sich auch die II. Querstraße damals in der Neckarstadt-West befunden habe, handelte es sich vermutlich um die heutige Laurentiusstraße (Marchivum, o. J.)


Theresa war gerade 13 Jahre alt, als ihr Vater Johann 1909 starb (Stadtarchiv Ludwigshafen am Rhein, 1909), ihre Schwestern waren 16 und drei Jahre alt. Die Familie lebte zu dieser Zeit in der Bismarkstraße 1 in Ludwigshafen (Stadtarchiv Ludwigshafen am Rhein, 1909). Ludwigshafen ist die Schwesterstadt von Mannheim und liegt ihr gegenüber auf der linken Rheinseite. Die Zeit muss für die Familie schwer gewesen sein: Anna Katharina musste ihre drei Töchter nun eigenständig versorgen.

Ludwigshafen um 1900 (Holzborn, 1993).

Die Familie zog kurze Zeit später nach Speyer in die Pfalz mit etwa 23.000 Einwohnern (Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, 1911). Auch der verstorbene Vater Johann hatte hier bereits vor der Geburt seiner Kinder zwischenzeitlich gelebt (Stadtarchiv Speyer, 1890) - vielleicht gab es eine Verbindung nach Speyer? Das werde ich recherchieren, wenn ich mich mit Johanns Lebensgeschichte beschäftige. In Speyer ist die Mutter 1911 und 1914 im Adressbuch als Johann Schaals Witwe in der Roßmarktstraße 34 gelistet. (Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, 1911; Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz, 1914)


Theresa lebte mit ihrer Mutter und Geschwistern in der Roßmarktstraße 34, die sich von diesem Blickwinkel kurz hinter dem Stadttor "Altpartel" (rechts im Bild) befindet.

Mit 17 Jahren arbeitete sie ab dem 1. August 1912 acht Tage als Dienstmädchen bei einem Herrn Gustav Walk, Priwirt in der Blumenthalstraße in Speyer (Stadtarchiv Speyer, 1912a). Warum sie diese Arbeit nur wenige Tage ausübte, konnte ich leider nicht herausfinden, auch den Arbeitgeber konnte ich in keinem Adressbuch finden. Ab dem 13. November des gleichen Jahres arbeitete sie ebenfalls als Dienstmädchen bei Witwe und Näherin Hedwig Adam (Stadtarchiv Speyer, 1912b).


1912 sank die Titanic auf ihrer Überfahrt nach Amerika und riss etwa 1.500 Passagiere in den Tod (Statista GmbH, 2020). Trotzdem entschied sich auch die 18 jährige Theresa im folgenden Jahr nach Amerika auszuwandern: Am 9. August 1913 reiste sie mit der S.S. Bremen von Bremen nach New York (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a).

Mit der S.S. Bremen ist Theresa 1913 nach New York City ausgewandert.

In meiner Familie wurde erzählt, dass „Resel“, wie sie in Deutschland liebevoll genannt wurde, mit einer Freundin und deren Familie in die USA ausgewandert sein soll. Sie soll zunächst bei Quäkern untergekommen sein. Theresas Mutter Anna war gegen die Auswanderung ihrer Tochter und hoffte, dass sie bei den Quäkern wenigstens in guter Obhut war.


Am 18. August 1913 steht in der The Sun aus New York „Ss Bremen, 800 miles east of Sandy Hook 7:15 PM“ (The Sun, 1913a).

In der Zeitung wurde am 18. August 1913 verkündet, dass die S.S. Bremen bereits 800 Meilen östlich von Sandy Hook (nahe NYC) ist.

In der Zeitung von Mittwoch wird verkündet, dass die S.S. Bremen am Vorabend um 23:00 Uhr bereits vor Fire Island, südlich von Long Island und kurz vor New York City, war (The Sun, 1913b). Laut den Angaben von MyHeritage ist die SS Bremen am 20. August im Hafen eingelaufen (MyHeritage, 1913).

Am 19. August ist die SS Bremen bereits kurz vor New York City.

Theresa gibt bei der Einreise in die USA an, lesen und schreiben zu können. Sie war zuletzt Verkäuferin und lebte in Speyer (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a). Als Kontakt im Heimatland nannte sie ihre Mutter Johanna Schaal in der Rossmarktstraße 34 in Speyer (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a). Hier muss sie entweder ihre Mutter Anna Maria oder ihre Schwester Johanna gemeint haben. Solche Flüchtigkeitsfehler konnten sowohl durch die Passagiere, als auch die Immigration Officer, bei der stressigen Ankunft schon mal passieren.

Sie war Single und wollte nach New York reisen zu ihrem Cousin Albert Schmidt in der 943 Columbus Avenue / New 186. Street (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a). Ihre Reise in der zweiten Klasse hatte sie selbst bezahlt (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a), vermutlich hatte sie ihr Gehalt zuvor für diese Reise gespart. Im Besitz hatte sie weitere 25 Dollar (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a). Theresa wird als hellheutig, blond und blauäugig beschrieben (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a). Sie war 165 cm (5’5) groß (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a).

Theresa Schaals Eintrag in den Passagierlisten der SS Bremen (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913a).

Neben der Passagierliste ist Theresa auch im Record of detained aliens zu finden (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913b). Sie wurde also bei ihrer Ankunft in New York zunächst festgehalten. Junge, alleinreisende Frauen oder Mütter mit ihren Kindern, die zu einem männlichen Verwandten oder Ehemann reisten, wurden damals häufig festgehalten (JewishGen, 2002). Der Staat wollte sicherstellen, dass für die Frauen gesorgt und sie beschützt werden (JewishGen, 2002). So wurde auch Theresa vermutlich zunächst festgehalten, um von ihrem Cousin Albert abgeholt zu werden.

Theresa Schaal Eintrag in der Liste der Detained Aliens (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913b).

Ob Theresa nun mit einer Freundin auswanderte oder nicht, wissen wir nicht. Im Normalfall wurden Familien und zusammenreisende Personen auch zusammen erfasst. Theresa ist jedoch einzeln gelistet und wird bei ihrer Anreise zunächst festgehalten, was ebenfalls darauf hindeutet, dass sie die Überreise nach Amerika alleine angetreten ist. Auch die folgenden Informationen weisen darauf hin, dass Theresa alleine gereist war:

Abgeholt wurde sie anstatt von dem mir unbekannten Cousin nach einem Tag in Verwahrung am 21. August von Madame Bolliet, wohnhaft in der 341 W 30th Street in New York (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913b).


Diese Dame ist auch im Adressbuch der Stadt New York gelistet, als Frau Elise Bolliet, matron (Irma and Paul Milstein Division of United States History, 1913). Dabei weißt das Wort matron darauf hin, dass die Dame Frauen oder Kinder beaufsichtigt hat (Merriam-Webster, o. J.). In einem Bericht aus dem Jahr 1898 habe ich dann gefunden, dass Madame Bolliet die Managerin der Young Women Home Society of the French Evangelical Church in the City of New York war (New York State, 1898)

Beschreibung der "Young Women Home Society of the French Evangelical Church in the City of New York" (New York State, 1898).

Die in 1888 gegründete Society setzt sich zum Ziel „to give shelter, board and protection to French-speaking young women, while temporarily without situations, and assist them with in procuring employment“ (New York State, 1898, New York State, 1899). Die Organisation konnte in den Jahren 1898 und 1899 jeweils 360 bzw. 294 Frauen unterstützen (New York State, 1898; New York State, 1899)

Um dort aufgenommen zu werden galten folgende Bedingungen: „French-speaking respectable young women are received and pay $4 per week for board, if they are destitute, the are admitted free. Application to be made to the Manager, at the home (New York State, 1898).

Ob Theresa französisch sprechen konnte ist nicht bekannt. Sie war in Bayern geboren, lebte dann in Mannheim, Ludwigshafen und Speyer. Französisch wurde nach Latein und Griechisch in bayrischen Knabenschulen bereits im 19. Jahrhundert unterrichtet und wurde 1854 als Pflichtfach eingeführt (Klippel, 2007). Latein und Griechisch waren hauptsächlich für die humanistische Bildung und Auseinandersetzung mit der Literatur wichtig, mit denen sich Männer beschäftigten (Klippel, 2007). Mädchen lernten in der Schule jedoch hauptsächlich Französisch (Klippel, 2007). Im Census 1940 gibt Theresa an, das deutsche Equivalent der High School Grade 1 abgeschlossen zu haben (United States of America, 1940). Da vor der High School acht Jahre Elementary School anstehen, wird sie etwa neun Jahre die Schule besucht haben (The U.S. National Archives and Records Administration, o. J.). Ob sie so zumindest bruchstückhaft Französisch sprechen lernte?


„In the late 1800s, the French Evangelical Church opened a home for young women in need of temporary lodging. The home was located on West 30th Street in 1912, when the New York Observer reported that ‘shelter is afforded these young French women, while seeking and obtaining employment as teachers, governesses, maids or nurses. The number of those who, during its existence, have availed themselves of the benefit of this institution is upwards of nine thousand.’ The four-story brick townhouse has more recently operated a a hostel and is now an apartment building“ (Our Town, 2019).


Madame Elise Bolliet war bei der Ankunft von Theresa in New York bereits etwa 67 Jahre alt (New York Times, 1928) und hatte ein aufregendes Leben hinter sich: Sie war in der Schweiz geboren und war etwa 1885 nach New York gekommen (New York State, 1915). Vor ihrer Tätigkeit als Managerin der Unterkunft für Frauen und Mädchen, war sie die Managerin und persönliche Assistentin von Frederick und seiner Frau Louise Vanderbilt auf der Fifth Avenue (Prescott, 1894). Elise wird beschrieben als französische Dame mit typischem französischem Aussehen und französischem Benehmen, schlanker, kleiner Erscheinung und demonstrativem Auftreten (Prescott, 1894) Der Artikel ist hier kostenlos zu finden und beschreibt, dass Madame Bollier gut aussieht, aber einen schrecklich seriösen Ausdruck hat (Prescott, 1894).


Im Umgang mit den Hausangestellten scheint sie liebevoll gewesen zu sein (Prescott, 1894). „In hiring servants Madame Bolliet is particularly generous. Her orders are to get only the best, and to pay them liberally. All the Vanderbilt servants are obtained from the congregation of a dear little French church, on Thirtieth Street, the pastor of chic is personally responsible to the directress for the honesty of those he recommends.“ (Prescott, 1894). Madame Bolliet hatte also schon früh Beziehungen zur French Evangelical Church in New York und hat deren Organisation für junge mittellose Frauen später geleitet. Sie scheint das Zuhause für Frauen mit viel Liebe und Herzblut geführt zu haben (Unions chrétiennes de jeunes filles, 1914).

Ein Portrait von Madame Bolliet aus einem Zeitungsartikel (Prescott, 1894).

Wie lange Theresa wohl dort untergekommen ist? Ob sie sich wohl gefühlt hat? Lief ihre Ankunft in New York nach Plan oder hat sie sich das alles anders vorgestellt?

Im Jahr 1915 jedenfalls lebten in der Young Women Home Society neben Madame Bolliet 19 weitere Frauen aus Frankreich, Italien und der Schweiz (New York State, 1915). Theresa war nicht mehr gelistet, sie musste im Sommer 1915 bereits ausgezogen sein (New York State, 1915).

In den folgenden Jahren muss sie ihren Ehemann Otto Stepanek kennengelernt haben. Otto war am 16. Februar 1890 in Karlsbad, damals Österreich geboren (Römisch-Katholische Kirche Karlsbad, 1890). Seine Eltern Josef und Katharine Štěpánek ließen ihren Sohn am 23. Februar auf den Namen Emmanuel Otto taufen (Römisch-Katholische Kirche Karlsbad, 1890). Ottos Vater Josef war Buchbinder (Römisch-Katholische Kirche Karlsbad, 1890).


Am 8. Dezember 1913 reiste der 23 jährige Otto gemeinsam mit einem Freund Rudolf Kretschmar in New York ein. Als Beruf gab er, wie sein Vater, Buchbinder an. Otto war etwa 170cm (5’5,5), hatte helle Haut, blonde Haare und blaue Augen. (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1913c)

Etwa 1916 kam die erste gemeinsame Tochter Anna Theresa zur Welt (Kemmner, 2019).

Am 5. Juni desselben Jahres musste sich Otto für den Dienst im 1. Weltkrieg registrieren. Er wird nun als mittelgroß, kräftig, mit blauen Augen und schwarzen Haaren beschrieben. Otto ist verheiratet und möchte vom Dienst ausgeschlossen werden, um seine Frau und sein Kind zu unterstützen. Zwar wird der Name seiner Frau nicht explizit erwähnt, aus späteren Aufzeichnung geht aber hervor, dass Theresa mit Otto Stepanek verheiratet war. Seine Adresse lautet 174 E 85th Street in New York. (United States, 1917)


Die kleine Familie lebt in Germanville, einer Gegend zwischen der 79th und 96th Street von der Third Avenue bis zum East River. In dieser Gegend lebten Hausächlich Einwanderer aus Deutschland, Ungarn, Österreich, Tschechien, Russland und Polen, die Deutsch sprachen - daher auch der Name. Nur eine Straße weiter, die 86th Straße war das Herz der Viertels und wurde auch Sauerkraut Boulevard genannt, dort fand man Brauhäuser, Cafés, Konditoreien und ein deutschsprachiges Filmtheater. (Schulz, 2016).

Germantown in Yorkville, New York City (Heideberg Restaurant, o. J.).

Otto arbeitete als Maschinist bei der Rapid Addressing Machine Company in der 32 W 23rd Street (United States, 1917). Die Rapid Addressing Company produzierte Adressierungsmaschinen für Briefe, bei denen die Zeichen auf ein Stück Papier gebracht und dann automatisch mit der Maschine auf den Brieg geklebt wurde (Early Office Museum, 2016).


Am 08.01.1918 wurde das zweite Kind Joseph Stepanek geboren (Ancestry, 1944). Vermutlich wurde die Tochter Anna nach Theresas Mutter Anna Katharina Schmidt und der Sohn nach Ottos Vater Josef benannt. Nachdem meine Oma vor einiger einiger Zeit verstorben ist, haben wir Kisten mit alten Fotos gefunden. Darin waren auch zwei Fotos von Anna und Joseph.

Joseph und Anna auf eine Postkarte - aufgenommen im Glaser Studio, 1532 Third Avenue in Germantown.

Kurz nach der Geburt von Joseph breitete sich die Spanische Grippe in New York aus: Etwa 33.000 Menschen starben an der Krankheit (Poon, 2018). In New York herrschten die besten Bedingungen für eine solche Krankheit, in der Metropole lebten viele Familien auf engstem Raum (Poon, 2018). Theresa und Otto hatten bestimmt Angst um ihre Familie. Vielleicht haben auch sie sich isoliert, das Haus nur für die wichtigsten Einkäufe verlassen, wie wir es aktuell während des Coronavirus tun?


Im Januar 1920 ist die junge Familie dann im Census zu finden, sie bleiben in der Gegend von Germanville: Otto, Theresa und die beiden Kinder leben in der 208 E 84th Street in New York City (United States of America, 1920), nur einen Block entfernt von ihrer Zuhause aus 1917. Otto und Therese geben sich für 28 und 23 aus (United States of America, 1920), wobei sie eigentlich beide ein Jahr älter sind und im Jahr 1920 sogar 30 und 25 Jahre alt werden. Die beiden sind verheiratet (United States of America, 1920). Als Einreisedatum in die USA gibt Otto das Jahr 1912 an, Theresa bleibt bei 1913 (United States of America, 1920). Beide sind noch nicht eingebürgert, sondern sind aliens, sprechen aber Englisch (United States of America, 1920). Otto gibt als Arbeit wieder Maschinist bei einem Machine Shop an (United States of America, 1920). Theresa ist eine sogenannte janitress, also Hausmeisterin oder Putzfrau, in einem tenement house (United States of America, 1920). Die tenements waren Gebäude oder Häuser die im Zuge der Einwanderungswelle für eine Vielzahl an Bewohnern ausgebaut wurden, sodass statt nur einer Familie, mindest drei Familien Platz fanden (Sherman, 2019). Mit ihrer Arbeit und den drei und eineinhalb Jahre alten Kindern hatte Theresa definitiv vie zu tun.

Tenement Buildings in New York City.

Nur ein paar Monate später, im Mai 1920 erklärt Otto mit seiner Declarationen of Intention, seinen Wunsch amerikanischer Staatsbürger zu werden. Folgende Angaben macht er über sich: Er ist 30 Jahre alt, Maschinist, hellhäutig, etwa 170 cm groß (5’5), wiegt etwa 70 Kilo (148 pound), hat braune Haare und graue Augen. Er nennt seine Frau Therese und gibt an, am 22. November 1913 in New York angekommen zu sein. Da er tatsächlich am 8. Dezember ankam, handelte es sich beim 22. November vermutlich um sein Abreisedatum in Bremen. (New York State, 1920).


Was passiert in den nächsten 20 Jahren? Theresa, Otto und die Kinder Anna und Joseph selbst sind nicht zu finden.


Erzählungen nach war der Kontakt zwischen Theresa und ihrer Mutter nach der Auswanderung abgebrochen. Als ihre jüngere Schwester Johanna 1925 ebenfalls Jahre nach Amerika auswanderte, sollte sie wohl auf Drängen der Mutter Anna versuchen, ihre Schwester Therese zu finden. Angeblich haben sich die beiden Schwestern aber nicht gut verstanden. (Kemmner, 2019)


Ein Foto von Theresa (im Privatbesitz).

Durch Passagierlisten lässt sich anderes beobachten: Schon bei ihrer Einreise in die USA gibt Johanna die Adresse ihres Schwagers Otto Stepanek an. Sie wusste also genau, wo ihre Schwester mit ihrer Familie lebte: Nämlich in der 169 East 96th Street in New York City (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1925). Durch spätere Fotos wissen wir, dass sich die beiden Schwester auch tatsächlich gefunden haben.

Johanna (1. v. l.) mit Theresa (1. v. r.), Otto (2. v. r.), Joseph (2. v. l.) und dessen Familie 1952 (Foto in Privatbesitz).

Ein weiterer Hinweis scheint die Einreise von Johanna späterem Ehemann Adolf Deschler zu sein, dieser reist 1927 nach New York und gibt als Ziel Otto Stepanek, in Brooklyn, N.Y. 375 Lumpterstraße an (Records of the Immigration and Naturalization Service, 1927). Die wörtlich am nächsten kommende Straße lautet 375 Sumpterstraße in Brooklyn. Ob Theresa und ihre Familie dort wohnten ist unklar. Es könnte aber gut hinkommen, da die folgenden Wohnort in der Nähe liegen. Im Census 1930 kann ich die Familie, auch unter dieser Adresse, leider nicht finden (United States, 130b).


Auf dieser Karte sind alle Wohnorte von Theresa sowie die Arbeitsstätten von ihrem Mann Otto und andere relevante Orte eingezeichnet.

Im Adressbuch der Stadt New York aus dem Jahr 1933/34 ist die Familie gemeinsam in der 386 Bleecker Street in Brooklynn gelistet (Irma and Paul Milstein Division of United States History, 1933). Während Otto und Therese im Haus wohnen, scheinen Annie und Joseph eine Wohnung im hinter Teil des Hauses zu haben (Irma and Paul Milstein Division of United States History, 1933). Im 1930 Census sind sie unter dieser Adresse nicht zu finden (United States, 1930a), sie müssen als kurz zuvor her gezogen sein.


Erst im Jahr 1940 findet sich ihr Eintrag im New Yorker Census:


Otto und Theresa Stepanek leben seit mindestens fünf Jahren mit Joseph in der 60-29 68th Road in Queens. Anna ist bereits ausgezogen, hat geheiratet und zwei Kinder bekommen. Während Otto mittlerweile eingebürgert ist, hat Therese mittlerweile die nötigen Papiere eingereicht. Sie arbeitet nicht, sucht auch keine Arbeit. Otto hingegen arbeitet 40 Stunden pro Woche als Maschinist in einem Machine Shop, womöglich dem selben, wie schon vor 20 Jahren. Seit jährliches Gehalt liegt bei 2.080 Dollar. (United States of America, 1940).


Angeblich wohnten ab Anfang der 1920er Jahre viele Europäer, vor allem Deutsche und Italiener in der Gegend namens Ridgewood. Hauptsächlich weil die Wohnungen hier deutlich großzügiger waren als in Manhattan, wo auch Theresa und ihre Familie vorher wohnten. (Haller, 2016)


Am 25. April 1942 muss sich Otto für den Dienst im 2. Weltkrieg registrieren. Es handelt sich um die vierte Registrierung, die auch als die „Registrierung alter Männern“ beschrieben wurde. Er lebt weiterhin in der 60-29 68th Road, Ridgewood, Queens. Otto arbeitet nun bei der International Banding Machine Company, 1013 Grand Street in Brooklyn. Er ist immer noch 170 cm (5’5) groß und wiegt nun etwas mehr als 70 Kilo (156 pound). Er hat graue Augen, schwarze Haare, leicht rötliche Haut und ein Tattoo auf der Rückseite des linken Unterarms. (United States, 1942)


Am 23. April 1944 registriert sich auch Joseph für den 2. Weltkrieg. Joseph ist 178 cm groß (5’10) und wiegt etwa 60 Kilo (135 pound). Er hat blaue Augen, braune Haare, helle Haut und eine Narbe am linken Zeigefinder. Interessant ist die neue Adresse: Theresa, Otto und Joseph scheinen wieder nach Manhattan gezogen zu sein, in die 319 East 73rd Street. Es ist unklar, ob die Familie wirklich an dieser Adresse gelebt hat, da die vorherige Adresse auch später noch aktuell ist. Eventuell hat nur Joseph dort gelebt, obwohl er die Adresse auch explizit für seine Mutter angibt. Joseph ist zu dieser Zeit arbeitslos. Aus diesem Dokument geht auch hervor, dass Theresa in Amerika „Tessie“ genannt wurde. (Ancestry, 1944)


Die Kindern waren mittlerweile erwachsen. Mehr erfahren wir sicherlich im Jahr 2022, wenn der 1950er Census veröffentlicht wird.

Theresas Ehemann Otto Stepanek im Jahr 1952 (Foto im Privatbesitz).

Am Samstag, den 31. Oktober 1953 stirbt Theresas Ehemann Otto mit 63 Jahren im Wyckoff Heights Hospital an einer langen Krankheit. Er hinterlässt seine Frau Theresa, seine Kinder Anna und Joseph sowie vier Enkelkinder. (Queens Ledger, 1953).


Sterbeanzeige von Otto Stepanek im Queens Ledger vom 05. November 1953.

Theresa überlebte ihren Ehemann um ganze 21 Jahre. Was sie in dieser erlebte und machte wissen wir nicht. Sie stirbt im Mai 1974 in Brooklyn (Social Security Administration, 1974).

Theresa Schaal (im Privatbesitz).

Die verwendeten Quellen sind in folgendem Quellenverzeichnis aufgelistet:

Quellenverzeichnis Theresa Schaal (1895)
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