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Kurzes Familienglück: Anna & Wilhelm Kemmner

Aktualisiert: 3. Nov 2019

Mein Urgroßonkel Friedrich Wilhelm Kemmner wurde am 9. September 1879 in Unterensingen geboren. Der dritte Sohn von Christiane und Christian Kemmner erblickte an einem Dienstagmorgen um 3 Uhr das Licht der Welt. Sein Vater schrieb in die Familienbibel: „Den 9. September 1879 ist mir mein dritter Sohn geboren und hat in der Heiligen Taufe am 14. September den Namen Friedrich Wilhelm erhalten. Gott behüte ihn auf allen seinen Wegen“.

Friedrich Wilhelm Kemmner auf einem Gemälde seines Bruders Gustav Kemmner (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Die Taufe am Sonntag, den 14. September 1879 um 14 Uhr hat Pfarrer Hartmann gehalten. Taufzeugen wurden Urban Kottler, Bauer und Maria Gähr, ledig. Urban Kottler war der Ehemann von Wilhelm’s Vater Christians Halbschwester Barbara. Bei Maria Gähr handelt es sich vermutlich um Christianes Schwester.


Verwandtschaftsverhältnis von Wilhelm zu seinen Taufpaten Maria Gähr und Urban Kottler.

Wilhelm ging sicherlich, wie alle Kinder, in die Volksschule in Unterensingen und lernte dort sieben Jahre lang. Am 16. April 1893 wurde Wilhelm mit 25 weiteren Kindern, von denen weitere vier den Nachnamen Kemmner trugen, konfirmiert. Anschließend begann er seine Lehre als Mechaniker beim Mechanikermeister Bluthardt in Nürtingen. Die Werkzeugmaschinenfirma Gottlieb Bluthardt wurde erst 1885 gegründet (Quelle) und befand sich laut dem Nürtingen Adressbuch von 1925 in der Gerberstraße 19.


Wilhelm zog dafür vermutlich nach Nürtingen. Häufig hatten die Jungen ein Zimmer bei ihren Lehrmeistern. Dreieinhalb Jahre später am 1. August kam Wilhelm aus Nürtingen zurück. Für seine Lehre hatten die Eltern 550 Mark gezahlt. Für die damalige Zeit, war das eine Menge Geld. Ein einfacher Hafenarbeiter oder Chemiearbeiter erhielt monatlich zwischen 60 und 120 Mark Lohn (Quelle). Eine Bauernfamilie musste also lange für diese Summa sparen. Im Anschluss ging Wilhelm auf Wanderschaft. Eine seiner Stationen war Baden bei Basel.



Eintragungen seines Vaters zu Wilhelms Lehre bei Herrn Bluthardt in Nürtingen.

Von 1899 bis 1901 musste Wilhelm zum Militär, er diente bei der Artillerie. In den Kriegsstammrollen ist vermerkt, dass Wilhelm am 12. Oktober 1899 der 2. Batterie des Feld-Artillerie- Regiments 29 beitrat. Etwa ein Jahr später, am 8. Oktober wurde er zum Gefreiten befördert und nach einem weiteren Jahr am 24.09.1901 zur Reserve entlassen. Was Wilhelm dann gemacht hat und wo er gearbeitet hat, weiß ich leider nicht.


Am 21. Oktober 1909 heiratete er seine Frau Anna Katharina Kemmner um halb zwölf in der evangelischen Kirche in Unterensingen. Die Proklamation, also die Ankündigung der Ehe, wurde am 17. Oktober und eventuell auch am 19. September durchgeführt. Pfarrer Wacker aus Unterensingen hat die Trauung gehalten. Im Heiratsregister wird Wilhelm bereits als Mechaniker in Stuttgart beschrieben. Da das Familienregister direkt nach Stuttgart übergeben wurde, hat er vermutlich bereits dort gewohnt.


Anna und Wilhelm hießen beide mit Nachnamen Kemmner und hatten gemeinsame Vorfahren. Ihren Nachnamen haben beide von ihren gemeinsamen Urururgroßeltern Hans Jakob und Anna Maria Riempp, die im 18. Jahrhundert lebten. Neben gemeinsamen Vorfahren ihrer väterlichen Linie, teilen sie ebenfalls Vorfahren in ihren mütterlichen Linien: Ihre beiden Großeltern Anna Barbara Kicherer und Anna Maria Kicherer waren Geschwister. Außerdem teilen sie sich ihre Urgroßmutter Katharina Gähr, die vor ihrer Ehe mit Matthäus einen unehelichen Sohn namens Jakob bekommen hat. Auch die beiden Großväter Jakob und Daniel Kemmner waren somit Halbgeschwister und sind gemeinsam aufgewachsen. Dementsprechend ist Anna nicht nur die Frau meines Urgroßonkels, sondern ebenso meine Urgroßtante dritten Grades.


Der Stammbaum von Anna und Wilhelm verdeutlicht fünf gemeinsame direkte Vorfahren.

Anna Katharina wurde am 13. Mai 1887 als sechstes Kind von Gottlieb und Christiane Kemmner geboren. Sie kam an einem Freitag um halb drei morgens zur Welt. Zwei Tage später, am 15. Mai 1887 wurde sie um 14 Uhr von Pfarrer Hartmann getauft. Ihre Taufzeugen waren Jakob Kemmner, Bauer und A. Maria Kemmner, ledig. Sowohl Annas Vater als auch ihre Mutter hatten eine Schwester mit Namen Anna Maria Kemmner. Die Schwester der Mutter heiratete jedoch bereits 1871. Die Schwester Anna Maria Kemmner von Annas Vater Gottlieb heiratete erst 1891 und war somit zu Annas Taufe noch ledig, sie könnte die Taufpatin gewesen sein. Jakob könnte Annas Opa mütterlicherseits gewesen sein, der aber bereits 1892 verstarb.


Anna und ihre Taufzeugen A. Maria Kemmner und Jakob Kemmner.

Da Annas Vater Gottlieb Wagner war, erhielt sie den Rufnamen „Wagner-Anna“. Anna wuchs in Unterensingen auf, besuchte vermutlich sieben Jahre lang die Volksschule in Unterensingen und wurde dann mit 13 Jahren konfirmiert. Gemeinsam mit Christiane Kemmner, meiner Urgroßtante, wurde Anna am 14. April 1901 durch Pfarrer Korber konfirmiert.


Unterensinger Mädchen in der Sonntagsschule 1902. Anna war zu dieser Zeit vermutlich auch in der Sonntagsschule (Quelle: Gemeinde Unterensingen. (1995). Unterensingen - Geschichte einer Gemeinde).

Leider weiß ich nicht, was Anna in den folgenden acht Jahren bis zu ihrer Hochzeit erlebte und wie genau sich die beiden kennenlernten.


Da das Familienregister nach der Hochzeit nach Stuttgart übergeben wurde, haben die beiden vermutlich aufgrund Wilhelms Arbeit dort gelebt. Der erste Eintrag im Stuttgarter Adressbuch findet sich im 2. Nachtrag zu 1911. Dieser Nachtrag war ab dem 15. August verfügbar und enthielt alle Wohnungsänderungen vom 1. Mai bis 1. August. Ihre Adresse lautete Moltkestraße 64. Sie lebten dort in der 5. Etage. Die Moltkestraße wurde wohl im Verlauf der Zeit umbenannt und heißt heute Bebelstraße.


Vermutlich haben die beiden jedoch schon früher in Stuttgart gewohnt, denn bereits am 28. Februar 1911 kam ihr erstes Kind, Walter Karl in Stuttgart zur Welt.


Durch Zufall bin ich vor Kurzem auf den Eintrag im Familienregister der evangelischen Kirche in Unterensingen gestoßen, der dort im Jahr 1916 angelegt wurde. Dort werden zwei weitere Kinder genannt, die am 15. März 1912 in Stuttgart geboren wurden. Die Zwillinge wurden noch am gleichen Tag getauft. Da nicht getaufte Kinder früher angeblich vom Paradies ausgeschlossen wurden, wurden besonders kranke und schwache Neugeborene zur damaligen Zeit noch am gleichen Tag getauft, sodass sie ins Paradies kommen konnten. Ich kann mir daher vorstellen, dass die Zwillinge bei der Geburt schwach waren. Sie sind noch im gleichen Jahr gestorben, leider ist das Datum nicht vermerkt.


Etwa 1912 wurde in der Deutschen Mode- und Frauenzeitschrift eine Leserfrage von Anna Kemmner, Stuttgart, Molktestr. 64 eingereicht. Sie fragt: „Könnte mir eine geehrte Mitleserin eine Weihnachtsaufführung für drei Mädchen von fünf bis neun Jahren mitteilen?“ Wer diese Mädchen wohl waren? Im Stammbaum finde ich keine nahen Verwandten, die etwa zwischen 1903 und 1907 geboren wurden.


Wilhelms Bruder Gottlob leitete eine Firmenvertretung der Firma Eisemann in Wien. Mein Opa schrieb in seinem Buch: „Auch damals waren gute Leute rar, wie sie immer rar sein werden, deshalb holte Gottlieb sich für den Ausbau seines Geschäftes seinen Bruder Wilhelm, ebenfalls gelernter Mechaniker. Das Geschäft florierte“. Wilhelm, Anna und Walter zogen also etwa 1913 nach Wien und bekamen am 12. Februar 1914 Familienzuwachs: eine Tochter mit Namen Charlotte Eugenie.


„Inzwischen brach der erste Weltkrieg aus. Wilhelm wurde zum Militär eingezogen.“ In den Kriegsstammrollen steht zu Wilhelm, dass er am 22.08.1914 dem Feld-Artillerie-Regiment 65 beitrat. Im April 1916 wurde er zum Unteroffizier befördert. Zuletzt gehörte er der 2. Batterie des Reserve Feldartillerie-Regiments Nr. 54 an. Dieses Regiment kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Westfront in Belgien und Frankreich.


1917 kam die Nachricht, dass Wilhelm am 21. Mai in Frankreich bei Reims gefallen war. Als Wilhelm mit 37 Jahren fiel, waren seine Kinder gerade sechs und drei Jahre alt. Seine Tochter hatte er kaum kennenlernen dürfen, denn kurz nach ihrer Geburt wurde er bereits eingezogen.


Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge hat mir wertvolle Unterlagen über Wilhelms Grablage gesendet. Mit der Kenntnis, dass Wilhelm in einer Württembergischen Einheit war, wurden die sogenannte Totenkartei nach ihm durchforstet. Hier ist angegeben, dass er zuletzt der 2. Batterie des Reserve-Feldartiliere-Regiments Nr. 54 angehörte. Mit diesen Angaben hat der Volksbund in den Kriegsstammrollen gesucht.


Die Kriegsstammrollen beschreiben Wilhelms Tod wie folgt: "Unteroffizier Kemmner am 21.05.1817, 6 Uhr N. (...) ca. 4 km hinter Pont Faverger durch Granatschuss in die Brust, Rücken, linker Arm und linker Fuß schwerverwundet in die Krankensammelstelle Rheinlager, am 21.05.17 gestorben, am 22.05.17 beerdigt im Friedhof Rheinlager. Grab auf inliegender Skizze." (Landesarchiv Baden-Württemberg).


Der Volksbund weist jedoch auch darauf hin, dass die in diesem Raum gefallenen und bestatteten deutschen Soldaten nach dem Krieg durch den französischen Gräberdienst unter anderem auf den deutschen Soldatenfriedhof Berru umgebettet wurden. Da Wilhelm auf dem Friedhof Rheinlager bereits in einem Massengrab bestattet wurde, wurde er mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf den Soldatenfriedhof Berru als Unbekannter in einem Kameradengrab bestattet.


Um eine würdige Gedenklösung für Wilhelm zu finden, hat der Volksbund Wilhelm im virtuellen Gedenknamenbuch der Kriegsgräberstätte Berru aufgenommen.

Wilhelm wurde im Gedenknamenbuch der Gefallenen auf dem Friedhof Berru aufgenommen (Quelle: Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge).

In der Familienbibel seiner Eltern steht: „Abends um sechs Uhr traf unseren Wilhelm ein Granatsplitter und verwundete ihn so schwer an der Lunge und um elf Uhr ist er seiner Verwundung erlegen. Er hinterlässt eine Witwe und zwei Kinder. Was bringt dieser Krieg für Jammer und Herzleiden. Nun ruht sein Leib in fremder Erde. Der Herr erfreut ihn droben mit ewiger Freude nach ausgestandenen Leiden und gebe ihm eine fröhliche und selige Auferstehung“.


Eintragungen von Wilhelms Mutter in der Familienbibel über den Krieg und Wilhelms Tod.

Am 3. Juli desgleichen Jahres erst, wurde Wilhelm in den Deutschen Verlustlisten als gefallen gelistet.


Das Unterensinger Denkmal zu ehren der gefallenen Söhne der Stadt beinhaltet auch Informationen zu Todesdatum und -ort: 21.05.1917 bei Reims, Frankreich.

Wilhelms Frau Anna zog bereits 1914 mit den beiden Kinder zurück zu ihren Eltern nach Unterensingen. Im Adressbuch von Unterensingen aus dem Jahr 1925 wird sie als „Anna, Mechanikers Witwe, Trinkstr. 145“ angegeben. Bei der Trinkstraße oder umgangssprachlich Trinkgasse handelte es sich um die heutige Esslingen Straße. Ihren Namen erhielt die Gasse, da die Unterensinger Wasserleitung zur damaligen Zeit in einem Brunnentrog in der Straße endete, aus dem die Kühe tranken (Quelle).


Anna und ihre beiden Kinder wohnten in Unterensingen in der Trinkgasse, die hier auf einem Gemälde von Gustav Kemmner zu sehen ist (Quelle: Hergenröder, Breig, Melchinger & Kaßberger, 2004).

Mein Opa erinnerte sich daran, dass er häufig mit seiner Mutter bei Wagner-Anna und ihren Kindern zu Besuch war. Die beiden Mütter haben gestrickt und mein Opa hat sich über ein Honigbrot gefreut. Anna hatte einen sehr schönen großen Garten. Sie hatte dort ein Bienenhaus stehen und betrieb außerdem etwas Landwirtschaft.


Annas Tochter Lotte hat bei den landwirtschaftlichen Aufgaben geholfen. Sie hat die Handelsschule in Nürtingen besucht und war später bei der Maschinenfabrik angestellt. Annas Sohn Walter hat studiert, ist Ingenieur geworden und war laut meines Opas ein tüchtiger Mann. Er hat Uhren revidiert.


Mein Opa erinnert sich auch, dass seine Tante Anna im Alter nicht mehr besonders gut hörte.

Am 25. Dezember 1977 starb Anna mit 90 Jahren um viertel vor drei in Unterensingen. Bei ihrer Adresse, der Esslingen Str. 43, handelte es sich vermutlich um ihr Elternhaus in der Trinkgasse 145, in das sie bereits nach ihrer Rückkehr nach Unterensingen wieder eingezogen war.


Ihre Beerdigung fand am 29. Dezember 1977 um 14 Uhr statt und wurde von Pfarrer Stolz gehalten. Der gelesene Text war Matth. 10, 32: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel“ (Quelle). Die Trauergemeinde hat sich im Gemeindehaus versammelt und der Frauenchor hat gesungen.

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